Artikel aus "Die Welt" zum Terrassenufer Dresden
Dresden schafft freien Blick auf die Frauenkirche
Dresden -
Sachsens Landeshauptstadt räumt die Sicht auf die Frauenkirche frei. Platte um Platte, Etage um Etage stürzt das alte Stasigebäude am Neumarkt in sich zusammen. Bis zur Weihe der neu errichteten Frauenkirche am 30. Oktober soll der einst von barocken Bürgerhäusern gesäumte Platz freigeräumt sein. Die Stadt rechnet mit einem Ansturm von 100 000 Schaulustigen. Und auch am Terrassenufer, wo der Blick auf die historische Stadtsilhouette durch Hochhäuser verstellt wird, sind seit Anfang dieser Woche die Abbruchwerkzeuge der Leipziger Firma Caruso im Einsatz.
Oberbürgermeister Ingolf Roßberg (FDP) ließ es sich nicht nehmen, den
Einsatzbefehl selbst zu geben. Was in anderen Städten vielleicht eine
Fußnote gewesen wäre, wird im einstigen Elbflorenz zum symbolischen
Akt von weitreichender Bedeutung für das Selbstverständnis der Stadt. "Wir vollziehen hier den Schritt von der sozialistischen Großstadt zur
Bürgerstadt Dresden", sagte das Stadtoberhaupt und erinnerte daran,
daß zu DDR-Zeiten ganz Dresden von einem Kranz "sozialistischer
Hochhäuser" eingerahmt werden sollte. Tatsächlich hat der Schweizer
Kommunist Hans Schmidt (1893-1972) die Hochhäuser am Dresdner
Terrassenufer in zahlreichen Entwurfsskizzen als prägend für den
Begriff "sozialistischer Städtebau" bezeichnet. Er, der schon 1927
behauptet hatte, Bauen habe nichts mit "Kunst" zu tun, war 1956 zum
Chefarchitekten des industrialisierten Bauens in der DDR berufen
worden und leitete seit 1963 das DDR-Institut für Städtebau und
Architektur. Ein Jahr später entstanden die Hochhäuser, deren erstes
jetzt verschwindet.
"Die Hochhäuser am Terrassenufer müssen weg", bekräftigte jetzt OB
Roßberg und kündigte an, daß auch das Nachbarhaus, ein Hotel, "noch
während meiner Amtszeit zurückgebaut" werden solle. Die Freiflächen
mit Elbblick sollen dann mit niedrigeren Häusern wie in der
Vorkriegszeit bebaut werden. Auch am Neumarkt wachsen die Brachen
bereits mit neuen "Barockquartieren" zu. An jener Stelle, an der der
Staatssicherheitsdienst das jetzt zum Abbruch freigegebene Gebäude
errichtet hatte, werden ganze Straßenzüge mit mehreren "Leitbauten" entstehen, die ihre historischen Fassaden zurückerhalten.
gur.
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